100 Jahre Klöppeln in Nordhalben

Nordhalben: Regelrecht ins Schwärmen kam die Festrednerin Frau Dr. Hannelore Kunz- Ott beim Jubiläum "100 Jahre Klöppeln" in Nordhalben. Begeistert war sie vor allem von der Entwicklung der Internationalen Spitzensammlung. In der Klöppelschule Nordhalben steht heute die gezielte Förderung des kreativen Kunsthandwerkes im Vordergrund, sagte die wissenschaftliche Beraterin des Bayerischen Nationalmuseums, tätig in der Abteilung Nichtstaatliche Museen, welche im Jahr 1986 an der Einrichtung der Internationalen Spitzensammlung maßgeblich beteiligt war.
Den 4. Nordhalbener Klöppeltagen, welche bereits im Juli stattfanden, schloss sich am vergangenen Sonntag ein Festakt mit über 100 geladene Gäste in der Nordwaldhalle an. Wie Frau Kunz- Ott ausführte, habe die Gemeinde Nordhalben auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer zu ihrer Klöppelschule gehalten. 100 Jahre Beständigkeit und Kontinuität in einer mittlerweile seltenen und außergewöhnlichen Handarbeitstechnik wäre selbst in einer Metropole ein guter Grund zum Feiern. Aus der Not heraus wurde das Klöppeln ins Leben gerufen. In den Anfangsjahren stand auch die Produktion von Spitzen in Meterware, bei einem Tagesverdienst von 20 Pfennig, im Vordergrund. Als lebensnotwendige Maßnahme bezeichnete die Festrednerin die "Öffnung der Tore" als man sich dazu entschlossen hat, auch Hobbyhandarbeiterinnen und Touristen auszubilden. Als weiteres Geheimnis des langjährigen erfolgreichen Wirkens nannte sie das hochqualifizierte Personal in der Schulleitung, welche den Unterrichtsstoff stets zeitgemäß adaptierte.
Mit dem Einzug von farbigem Garn in die Klöppelspitze, was besonders die jugendlichen Schüler faszinierte, verbindet sich der Name der langjährigen Leiterin Hermine Stutzig. Sie entwickelte vor allem kindgerechte Lehrgänge und entwarf die allseits, auch weit über die fränkischen Grenzen hinaus, bekannte Frankenwaldspitze. Ihre Nachfolgerin Sigrid Daum animierte die Schüler Pflanzen und Tiere als eigenständige Klöppelmotive zu entwerfen und zu realisieren. Die jetzige Leiterin Beate Agten, gelernte Diplom Designerin, legt ihre Schwerpunkte neben den klassischen Ausbildungskursen vor allem auf das Experimentelle. Sie kombiniert abstrakte Formen mit ungewöhnlichen Materialien, welche sie zu bemerkenswerten künstlichen Unikaten verschmelzt. Als Grundstock für die Internationale Spitzensammlung nannte sie die umfangreiche und kostbare Sammlung von über 400 Spitzen aus vier Jahrhunderten aus aller Welt. Bei der Ausstellungskonzeption legte man bereits damals großen Wert auf die Spitzen der Vergangenheit und Gegenwart, daneben aber auch auf die Menschen, welche hinter den Schaustücken stehen und diese zarten Gebilde in mühsamer Arbeit angefertigt haben. Alle haben die Auszeichnung des Internationalen Museumskomitee im Jahre 1989 mit Stolz zur Kenntnis genommen, so Frau Kunz- Ott. Als weiteren Höhepunkt nannte die Rednerin die Gründung des Klöppelschulfördervereins im Jahr 1996. Der Verein unterstützt die Schule in vielfacher Hinsicht, ideell und organisatorisch bei Ausstellungen und Veranstaltungen, aber auch finanziell beim Ankauf kostbarer historischer oder moderner Spitzen. Nordhalben habe nach wie vor einen hohen Stellenwert in der Klöppelei. Der Deutsche Klöppelverband, der 1983 auf Initiative von Sigrid Daum in Nordhalben mit 145 Gründungsmitgliedern aus der Taufe gehoben wurde, wuchs zu einem aktiven Verband mit 4000 Mitgliedern an. Die Klöppelschule Nordhalben braucht sich, so Frau Dr. Kunz- Ott, keinem nationalen oder internationalen Vergleich zu scheuen, auch bei repräsentativen Veranstaltungen der Bundesregierung oder des Bundespräsidenten habe man das traditionsreiche Handwerk in kompetenter Weise vertreten. Die im zweijährigen Turnus stattfindenden "Nordhalbener Klöppeltage" zeigen, dass sich Nordhalben immer wieder was einfallen lässt, um ihr Klöppeln am Leben zu erhalten. Es sei einfach faszinierend, wenn man den geübten Klöpplerinnen beim Spiel ihrer Hände zusieht, wie sie scheinbar planlos dem Gewirr von unzähligen Fäden Herr der Lage werden.
Die Leiterin der Klöppelschule Frau Beate Agten ließ den "kleinen" Zeitabschnitt von 100 Jahren in der 850- jährigen Geschichte der Gemeinde Revue passieren. Nach ersten ablehnenden Bescheiden im Jahr 1897 durch die Handels- und Gewerbekammer für Oberfranken beschloss das Arbeiter- Beschäftigungs- Komitee im Jahr 1903 in Nordhalben die Einrichtung von Klöppelkursen. Ziel war es damals, mit der Einführung des Klöppelns als Hauptindustrie, eine einträgliche Lohnarbeit zu schaffen und die Abwanderung der jungen Frauen und Mädchen in die Fabriken des benachbarten Vogtlandes zu unterbinden. Bereits im Jahr 1906 bekam man die Genehmigung zur Errichtung und Leitung einer Fachschule, die den Namen "Klöppelschule Nordhalben" tragen sollte. Im selben Jahr wurde noch mit dem Neubau der Klöppelschule begonnen und im Jahr 1907 fertiggestellt.
Die Klöppelschule steht heute Besuchern und Einheimischen offen und spricht Anfänger wie Fortgeschrittene mit verschiedenen Kursen an. Zielstrebig wird durch unterschiedlichen Materialeinsatz, eine zeitgemäße Gestaltung und individuelle Betreuung bei Kindern und Erwachsenen versucht um neue Interessenten und Liebhaber für das alte Kunsthandwerk zu begeistern. Durch die zahlreichen Kontakte zum In- und Ausland konnten verschiedene Informationen und Ideen ausgetauscht werden, wobei sich immer wieder neue Aspekte bei der Gestaltung von Spitzen ergaben. Durch diese Zusammenarbeit wurde auch eine Reihe von europäischen Techniken beeinflusst und ständig weiterentwickelt. Diese Lebendigkeit, so Frau Agten, macht den eigentlichen Reiz des Klöppelns aus. 100 Jahre Klöppeln in einer Gemeinde sei gerade in Deutschland nicht der Normalfall. Viele Klöppelschulen wurden, wie auch in Nordhalben, aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus gegründet aber später, wenn es sich finanziell nicht mehr gelohnt hat wieder geschlossen. Sie sprach der Marktgemeinde Nordhalben und der Bevölkerung höchste Anerkennung aus, dass es hier gelang die Einrichtung über diesen langen Zeitraum am Leben zu erhalten und vor allem immer mit Leben zu erfüllen. Durch die Fertigkeit und Kreativität qualitativ hochwertige Arbeiten zu leisten, sei die Klöppelschule Nordhalben zum kulturellen Aushängeschild der Region geworden.
Zweiter Bürgermeister Michael Wunder, der die Gäste auch begrüßte, nannte die Fertigstellung des Erweiterungsbau mit der Internationalen Spitzensammlung im Jahr 1986 und zehn Jahre später die Gründung des Klöppelschulfördervereins als Meilensteine in der jüngeren Klöppelgeschichte. Konsequent habe man den eingeschlagenen Weg fortgefahren und mit Berichten in Funk und Fernsehen wurde der Bekanntheitsgrad dieser Einrichtung wesentlich gesteigert. Darüber hinaus könne man über eine eigene Homepage, welche alle Informationen beinhaltet und ständig aktualisiert wird, auf die Klöppelschule zurückgreifen. Er wünschte, dass dieses alte Kunsthandwerk in Zukunft noch viele Menschen fasziniert, finanzierbar bleibt und viele begeisterte Menschen nach Nordhalben lockt.
Landrat Oswald Marr sagte, man müsse die großen Anstrengungen der Marktgemeinde Nordhalben weiter unterstützen. Trotz knapper Finanzmittel dürfe die Klöppelschule "nicht beschnitten" werden. Auch der Verwaltungsrat der Sparkasse setzte seine Mittel zielorientiert ein und habe immer ein offenes Ohr für die Belange der Klöppelschule. Bayerns Umweltminister Dr. Werner Schnappauf, der auch die Schirmherrin der Veranstaltung die Kultusministerin Monika Hohlmeier vertrat, sprach von einer hochrangigen Einrichtung, deren regionale Unverwechselbarkeit erhalten bleiben muss. In einer Zeit, in welcher alle von Globalisierung reden, dürfe nicht die Gefahr aufkommen solch wichtiges Habe zu verlieren. Der Minister überreichte mit der 2. Vorsitzendenden des Regionalmarketingvereins Kronach Creativ Marietta Rösler einen Scheck in Höhe von 500 Euro. In Vertretung des Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Kronach- Ludwigsstadt Herrn Scherr überreichte Bereichsleiter Herr Kremer einen Scheck in Höhe von 10 000 Euro. Mit dieser Spende des Bayerischen Sparkassenverbandes konnte der neue Film über die Klöppelei vollständig finanziert werden. Eine besondere Überraschung zum runden Geburtstag bereitete der Klöppelschulförderverein. Die Vorsitzende Elisabeth Gareis konnte eine Italienische Klöppeldecke aus Cantu, welche um 1920 gefertigt wurde, im Wert von 3300 Euro überreichen. Weitere Grußworte sprachen MdL Christian Meißner, Bezirksrat Siegfried Methfessel, Bürgermeister Gerhard Wunder, Herr Kuhnlein von der Raiffeisenbank, Frau Beatrice Müller für die Oberbürgermeisterin aus Annaberg, Herr Bürgermeister Klimm aus Abendberg und Frau Agten für den Sächsisch- Erzgebirgischen Klöppelverband. Bei allen weiteren Grußwortrednern wurde deutlich, welch hohen Stellenwert diese Einrichtung über die Gemeindegrenzen hinaus genießt. Mit dem neuen Film endete die feierliche Veranstaltung, welche vom Holzbläserensemble die "Holzwürmer" aus Wallenfels musikalisch mitgestaltet wurde. Für die Bewirtung sorgte in bewährter Weise der Klöppelschulförderverein. (mw)

Viele hochrangige Gäste wohnten dem Festakt anlässlich des Jubiläums "100 Jahre Klöppeln", das auf den Tag genau vor 100 Jahren in Nordhalben begann, bei. Die Leiterin der Schule Beate Agten (Bildmitte) konnte sich über zwei größere Geldspenden freuen, welche Umweltminister Dr. Werner Schnappauf (daneben) und Herr Kremer von der Sparkasse (3.v.r.) überreichten. Foto: Michael Wunder

Ein weiterer großer Wunsch wurde für die Internationale Spitzensammlung erfüllt. Der Klöppelschulförderverein überreichte eine Italienischen Klöppeldecke aus Cantu, welche um 1920 gefertigt wurde zum Kaufpreis von 3300 Euro. Bei der Übergabe freuen sich v.l. Martina Simon, Beate Agten, Margarete Wunder und Elisabeth Gareis. Foto: Michael Wunder

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